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                          "malen nach und auf strassenfunden“
                                                           

flaschenposten – the end

„sehnsucht ziehe mich dahin, wo ich hingehöre!“*
*zitat aus der flaschenpost 04/12-02, gefunden am rechtsrheinischen ufer bei köln-stammheim im april 2012.

alle menschen, von denen ich fluss-botschaften in meiner sammlung habe, bitte ich, noch einmal kontakt zu mir aufzunehmen. motto: so-und-so-viel jahre später.

als abschluss meines entzugs von 25-jähriger flaschenpostsucht arbeite ich an einem (dicken) buch über meine flaschenpost-sammlung. die umfasst 1855 am rhein gefundene flaschenposten. die inhalte der botschaften sind so vielfältig wie die menschen, die sie dem wasser des stroms oder einer seiner nebenflüsse anvertrauten.
in den flaschen fanden sich viele von kindern gezeichnete schatzkarten. nicht das thema flaschenpost allgemein, sondern diese konkrete sammlung ist „der schatz“, der zwischen buchdeckeln gefasst werden soll. das archiv beinhaltet:
- auf über 400 eng gesetzten seiten alle transkribierten texte,
- 3500 scans von allen botschaften und beigegebenen gegenständen,
- 300 fotos von flaschenpost-funden,
- 1855 in neutralem licht aufgenommene fotos aller flaschen und anderer
transportbehälter.

in einem mit „intergalaktische flaschenpost“ überschriebenen interview mit dem journalisten gerd michalek für die sendung „spielraum“ von d-radio wissen (gesendet am 5.9.2012) faßte ich die bandbreite der botschaften so zusammen:
„…wenn außerirdische hier landen würden und würden das alles lesen, denke ich, könnten sie sich ungefähr ein bild machen, wie wir menschen ticken. wenn sie es denn lesen könnten.“
die flaschenpost als kommunikationsmedium ist alt. die wohl bekannteste begebenheit einer frühen nachricht, in seenot verfaßt, ist die von christoph kolumbus. nachdem er amerika „entdeckt“ hatte, gerieten auf dem rückweg bei den azoren seine beiden verbliebenen schiffe pinta und niña in einen heftigen sturm. kolumbus fürchtete um sein leben und hatte große sorge, dass die information über seine entdeckung der „neuen welt“ verloren gehen könnte. er übergab die erste mit quellen belegte flaschenpost der neuzeit dem meer. den eiligst auf pergamentpapier niedergeschriebenen reisebericht „… wickelte ich ... in eine wachsleinwand, steckte es in einen wachskuchen, legte alles zusammen in ein faß, und ließ das faß ins meer werfen.“ kolumbus überlebte – das fass wurde nie gefunden.
edgar allan poe verhalf im jahr 1833 mit seiner gruselgeschichte „das manuskript in der flasche“ der flaschenpost zum ersten mal zu massenmedialer prominenz. der protagonist der geschichte stirbt auf hoher see – sein schiff versinkt in einem riesigen strudel. sein zuvor verfasstes journal übergab er per flaschenpost dem meer. poe inspirierte mit dieser kurzgeschichte eine lange reihe von schriftstellerinnen und schriftstellern zu texten mit dem flaschenpostmotiv.
das phänomen flaschenpost ist seitdem präsent, sowohl in literatur, film und kunst als auch im alltagsleben – als real ausgeübte sehnsuchtspraxis nicht nur von kindern.
für mich als finder war es in den jahren um die jahrtausendwende spannend und irritierend zugleich mitzubekommen, dass in zeiten sich sprunghaft ausweitender elektronischer kommunikation die zahl derer anstieg, die für eine nachricht zur flasche griffen. seltsam mutete es mir jedesmal an, wenn in einer botschaft die finderin oder der finder aufgefordert wurden, per e-mail oder über facebook zu antworten.
das flaschenpostbuch soll den schatz der fragmentarischen, endlos sich selbst erzählenden geschichte, den die sammlung darstellt, in adäquater form der öffentlichkeit zugänglich machen. von tod, religion und glauben, von liebe, hass, hoffnung und verzweiflung ist in den botschaften die rede. es wird abschied genommen und verwünscht. es wird bereut, um entschuldigung gebeten und nach lebensperspektiven gesucht. schwarze und weiße magie mit unterschiedlich kultureller grundierung kommen genauso vor wie spiele, gute und schlechte scherze, politische botschaften, sexualisierte „angebote“ und abrechnungen mit einer für pubertierende jugendliche feindlichen (erwachsenen)-welt. ich entnahm den flaschen auch viele kinderzeichnungen.
das buch soll die in der fülle der botschaften enthaltenen „großen menschheitsfragen“ induktiv abhandeln, aus den konkreten flussbotschaften heraus – aus historischer, kulturgeschichtlicher, philosophischer, religionswissenschaftlicher, psychologischer, juristischer und künstlerischer pespektive.
das buch soll auch ein bilderbuch werden, ein kunst- und ein künstlerbuch. die „theoretischen“ beiträge werden begleitet von den flaschenpost-texten, -scans sowie den fund- und flaschenfotos von den in den artikeln erwähnten funden.
das buch soll dokumentarische blöcke enthalten, die eine auswahl besonderer botschaften text- und bildlich wiedergeben und eine serie von kinderzeichnungen präsentieren.
alle versammelten beiträge gehen von einer oder mehreren botschaften der sammlung aus. den texten werden die abbildungen der flaschen zur seite gestellt, die in den artikeln vorkommen.

 

aufheben, abkratzsen, kleben, malen

auf meinen alltagswegen finde ich zweidimensionales – weggeworfenes papier, aufkleber auf laternenpfählen.
ich schneide aus, klebe zusammen, das geklebte wird vorzeichnung, mit feinen pinseln und acryl-farbe mal ich mir ein bild daraus und darauf.
die collage kam ins bild als eingeklebter gegenstand (z.b. bei picasso). bei mir kommt die farbe ins bild als übermalter gegenstand. auf das der poetische funke fliege.
die ästhetiken von warenverpackungen und aufklebern – von tatoo-studio bis polit-agit-prop. gestalten aus den gestalteten ausdrucksweisen der jetztzeit.

das bild oben ist geklebt-gemalt auf einem auf der strasse gefundenen brokat-kissen. "die blumen des... ja was und wem..."

 

                                                           
                                                           
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